| Die Ferienmenschen |
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| Fachspezifisches - Deutsch - Literatur |
Die Ferienmenschenvon Jost Krippendorf Das Wegfahren, Reisen, die Welt erleben rückt für viele Menschen immer mehr in den Mittelpunkt des Lebensinteresses. Der Textausschnitt soll beitragen, eine unverkennbare Tendenz zum Thema von Betrachtung und Auseinandersetzung zu machen. Die totale MobilmachungEs ist große Bewegung in die früher so seßhaft gewesene menschliche Gesellschaft gekommen. Eine eilige Mobilität hat den Industrienationen mittlerweile die meisten Menschen erfaßt. Man nutzt jede Gelegenheit , um wegzufahren. Raus aus dem Alltag, so oft man kann. Kürzere Trips unter der Woche und an Wochenenden, längere Reisen während der Ferien. Fürs Alter wünscht man sich nichts sehnlichster als einen anderen Wohnsitz. Nur ja nicht zu Hause bleiben! Bloß weg von hier! So kommt es , daß sich Jahr für Jahr, Wochenende für Wochenende ohne Not und ohne erkennbaren Zwang unter Verwendung ihrer kostbarsten Zeit Millionen von Menschen zusammenrotten. Fast alle machen mit, offenbar aus freien Stücken, aber wie auf Befehl. Sie reihen sich in Autokolonnen oder lassen sich in Bus-, Jumbo- und Eisenbahnladungen verschicken. Sie liegen zusammengepfercht an zu klein gewordenen Stränden. Sie stehen Schlange vor Läden und Restaurants, vor Schilifts und Luftseilbahnen und vor Sehenswürdigkeiten, die vom vielen Hinschauen schon ganz abgenutzt sind. Manchmal hausen sie in Unterkünften, die an Elendsquartiere erinnern. Wenn man einem Arbeitnehmer solche Belastungen während seiner Arbeitszeit zumuten würde, meint dazu ein Verhaltensforscher, würden die Gewerkschaften mit vollem Recht einschreiten. Gemessen an den Heerscharen mobiler Freizeitmenschen unserer Tage waren die antiken Völkerwanderungen bessere Betriebsausflüge! Nun sollte es uns eigentlich freuen, daß sich das, was während langer Jahre das Vergnügen einiger weniger war, zum breiten Massenspaß entwickelt hat. Mobilität, Ferien, Reisen als soziale Errungenschaft. Aber die Freude darüber will sich nicht so recht einstellen. Die Sache hat eine Kehrseite. Wir haben für das, was wir errungen haben, etwas bezahlt, haben etwas anderes hergeben müssen. Jetzt drohen und die Auswirkungen unserer Mobilität, unserer hart erkämpften neuen Freiheit, über den Kopf zu wachsen. SO stellt sich die Frage, ob wir denn per Saldo wirklich etwas dazugewonnen oder eher etwas verloren haben - und auch die Frage, wie es denn überhaupt weitergehen soll. Aus: Jost Krippendorf, Die Ferienmenschen |


